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Geschichten aus der Praxis # 8 - Glaub mir nicht!

Es ist immer wieder beeindruckend, wie viele Menschen sich jemanden wünschen, der sie „repariert“.  „Und was soll ich jetzt tun? Gibt es irgendwelche Übungen, die ich jetzt machen kann?

Je weniger man sich darum kümmern muss, desto attraktiver scheint die Lösung. Wie etwas, das man sich ins Regal stellen kann und nicht mehr anzusehen braucht.

Doch dabei geht es doch genau darum.  Nämlich, sich um sich selbst kümmern zu lernen....

In solchen Situationen sage ich meinen Klienten etwa folgendes: 
„Du hast jetzt festgestellt, wie sich Bewegung X besser und leichter anfühlt. Aus diesem und jenem Grund ergibt es Sinn, sich so zu bewegen.

Was mich als „Lehrer“ in dieser Situation am glücklichsten machen würde, wäre, wenn du mir NICHT GLAUBST. Sondern aus dieser Tür herausgehst und selber nachspürst.

Wie bewältigst du den Stolperstein der Selbstverantwortung deiner Klienten?

(Clemens Pitzal)

 

Geschichten aus der Praxis # 7 - Es ist mir wirklich egal, was du kannst

Manchmal habe ich in einer Gruppenstunde das Gefühl, dass ein entscheidender Punkt für die Aufmerksamkeit der Teilnehmer folgende Botschaft ist:
Mir ist absolut egal, wie großartig oder „gut“ du dich bewegen kannst. Mir ist wichtig, dass du spürst.

Ich denke, viele Erwachsene sind – wenn auch unbewusst – immer noch stark darauf trainiert, „gut abzuschneiden“. Wie in der Schule. Das ist schließlich auch die Art, wie wir gelernt haben zu lernen: durch Wiederholung, Fleiß und Mühe.

Wir sind fast blind gefangen in diesem Muster des Gefallen-Wollens und des Erfüllens von Aufgaben. Immer wieder sehe ich, wie Teilnehmer plötzlich langsamer werden, mehr Pausen machen.

Ich beobachte häufig Menschen, die meiner Meinung nach in einem inneren Konflikt stecken zwischen: „Ich mache, was du sagst, und bin ein guter Schüler“ und „Eigentlich fühlt sich das unangenehm an.“

Doch der Wunsch, alles richtig zu machen, bloß nicht aufzufallen oder sich vielleicht sogar einzugestehen, dass man nicht so makellos ist, wie man gerne wäre, ist für viele ein gewagter Sprung.

Aber genau das ist es doch, was Feldenkrais für so viele so wertvoll macht: Fehler sind nichts, was es zu vermeiden gilt. Sie sind einfach eine Seite der Annäherung an etwas Besseres.

(Clemens Pitzal)

 

Geschichten aus der Praxis # 6 - Der blinde Fleck

Manchmal ist eine Veränderung bei einem Klienten so offensichtlich, dass ich mir denke: „Wow, das muss sich jetzt neu und interessant anfühlen.“  
Und dann sagen sie: „Fühlt sich gut an, aber irgendwie nix neues“.  
Als wäre es schon immer so gewesen.  
Als hätte sie das Neue einfach in die Schublade „kenn ich“ gesteckt.  
Ich denke genau in diesem Moment, kann eine Stunde von einer netten Erfahrung zu einer großartigen Erkenntnis werden.  
– aber nur, wenn man sich eingesteht, dass man vielleicht noch gar nicht alles sieht. Dann wird aus der „kenn ich“-Schublade die „weitere Optionen“-Schublade und eine Veränderung im Verhalten kann passieren.  
Ohne dieses kleine „Vielleicht weiß ich noch nicht alles“ versickert jede Erkenntnis wie Wasser im Sand.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort:  
Wo wir aufhören, zu glauben, dass wir schon alles sehen.  
Und plötzlich wird das Vertraute interessant – und das Unbekannte möglich.

(Clemens Pitzal)

 

Geschichten aus der Praxis # 5 - Das nächste Puzzlestück braucht Mut

Einer meiner treuesten Klienten, der keine Stunde verpasst. Nach dem Unterricht steht er da, leichtfüßig, präsent, elegant, ja ganz „feldenkraisig“.

„Ich liebe dieses Gefühl danach“, sagt er oft. „Diese Klarheit, dieses Ich-bin-da-Gefühl.“
Und trotzdem fügt er häufig hinzu: „Aber am nächsten Morgen ist es, als wäre alles wieder wie vorher.“ Und am nächsten Tag am Strand war er auch ganz der Alte. Als würde er Tag für Tag die gleiche „Rolle“ spielen in seinem persönlichen Theaterstück.

Vielleicht beginnt die Integration einer Stunde dort, wo wir uns erlauben, unsere Rollen zu lockern.
Wo wir spüren: Ich muss nicht der oder die Gleiche bleiben.
Und wo der Mut entsteht, sich wirklich verändern zu dürfen.

Integration braucht quasi extra Aufmerksamkeit.
Hat das neue Puzzlestück auch wirklich Platz in dem Bild, das ich von mir zeichnen möchte?

Clemens Pitzal)

Geschichten aus der Praxis # 4 - Gut gesprochen oder gut gelebt?

Ich finde Marketing total spannend. Die richtigen Worte zu finden, den passenden Ton, den berühmten „Pain Point“ – das hat was. 

Trotzdem merke ich jedes Mal, wenn ich vor einer Gruppe spreche, dass etwas anderes viel entscheidender ist:  Was ich sage ist wichtig, keine Frage – aber wie ich es verkörpere, ist entscheidend.

Wenn ich meine Füße spüre, meine drei Boxen übereinanderstaple und in dieser Situation wirklich „less effort“ lebe, dann passiert etwas. Dann hören mir Menschen nicht nur zu – sie nehmen vielleicht sogar schon wahr, was ich meine.

Das erzeugt mehr Interesse als jeder noch so gut formulierte Satz. Vielleicht beginnt gutes Marketing nicht im Kopf, sondern im Becken.

(Clemens Pitzal)

Geschichten aus der Praxis # 3 - Du fährst aber gerade keine Ski

Kennst du das? Ein Klient steht im Raum – und gleich im nächsten Moment wird die Haltung erklärt, fast sogar gerechtfertigt.  
Das ist weil ich Ski fahre. Das kommt vom Bouldern, etc.

Häufig hilft es das offensichtliche dann trotzdem zu benennen.  
„Du fährst aber gerade keine Ski. Also brauchst du auch nicht so stehen.“

Obwohl diese Erkenntnis so offensichtlich scheint ist sie doch für viele sehr wertvoll, weil sie dann erkennen, dass sie nicht von ihrer Geschichte bestimmt werden.

Ein Hinweis darauf, dass Bewegungsmuster oft mehr mit Gewohnheit und Selbstbild zu tun haben, als mit dem Moment.  
Wie sehr wir uns an solche Muster klammern, manchmal sogar bis sie Teil unserer Identität werden – „so bin ich eben“ – anstatt zu sehen: Das ist nur ein Muster. Und Muster können sich verändern.

Für mich und für die Skifahrerin war es eine erneute Bestätigung, dass Feldenkrais uns ins Jetzt zurückholt.  
Nicht, weil es darum geht, „besser“ zu sein, sondern weil wir wieder die Freiheit entdecken, je nach Situation zu wählen.  
Was will ich jetzt machen, und was hilft mir dafür?

Geschichten aus der Praxis # 2 - Muster treffen Muster

In der Feldenkrais-Arbeit spüren viele eine neue Freiheit. Aber was passiert damit, wenn das soziale Feld nicht mitwächst?

Wer darf laut sein? Wer hält sich lieber zurück? Wer bringt sich ein – und wann?

Gerade in einem Setting wie einem Surfcamp mit knapp 50 Menschen wird das besonders spürbar: So viel Lebendigkeit, Bewegung, Impulse – und gleichzeitig auch feine Gruppendynamiken, unausgesprochene Rollenverteilungen und Erwartungen. Da ist plötzlich wenig Raum, um das neue, feinere Spüren wirklich zu zeigen. Der Körper fühlt sich freier – aber traut man sich auch, diese Freiheit zwischen den Menschen zu leben?

Die wahrscheinlich größte Aufgabe in der Feldenkrais-Welt ist es, das auf dem Boden Gelernte mit ins Leben zu nehmen. Wie schwer es ist, sich anders zu verhalten als gewohnt, wenn man sich dann doch wieder an die ungeschriebenen Gesetze des eigenen sozialen Systems hält. Wie verhindern wir, dass Erkenntnisse aus dem Einzelsetting im Gruppenfilter wieder verloren gehen?

Wie können wir gemeinsames Lernen so gestalten, dass es nicht nur sicher, sondern auch mutig sein darf? Wie machst du das mit deinen Klient:innen? Wie „spielt“ dein privates Leben, dein*e Partner*in, Familie und Freunde „mit“, wenn du dich veränderst?

Geschichten aus der Praxis # 1 - Ich will kein Problem haben - und schon gar kein Problem sein

Die Arbeit mit einem Klienten mit Morbus Bechterew hat mich sehr berührt. Für ihn war klar: Beugen = Krankheit.
Krumm zu sein, war für ihn der Inbegriff von „kaputt“. Verständlich. Und gleichzeitig tragisch.

Denn wenn sich der Körper beugt, aber im Kopf die Überzeugung sitzt, dass genau das falsch ist – was macht das mit dem Selbstbild?
Vielleicht entsteht unbewusst das Gefühl: Ich sollte gar nicht so sein. Ich sollte vielleicht gar nicht da sein. Weil dieses Beugen sollte garnicht da sein.

Umso bewegender war der Moment, als er spürte: Da ist Spielraum.
Nicht nur zum Strecken, sondern auch zum Beugen – freiwillig, bewusst, weich. Und dass auch diese Bewegung ihren Platz hat.

Manchmal sind es weniger die Symptome als die Bedeutungen, die wir ihnen geben, die uns festhalten.