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Geschichten aus der Praxis # 5 - Das nächste Puzzlestück braucht Mut

Einer meiner treuesten Klienten, der keine Stunde verpasst. Nach dem Unterricht steht er da, leichtfüßig, präsent, elegant, ja ganz „feldenkraisig“.

„Ich liebe dieses Gefühl danach“, sagt er oft. „Diese Klarheit, dieses Ich-bin-da-Gefühl.“
Und trotzdem fügt er häufig hinzu: „Aber am nächsten Morgen ist es, als wäre alles wieder wie vorher.“ Und am nächsten Tag am Strand war er auch ganz der Alte. Als würde er Tag für Tag die gleiche „Rolle“ spielen in seinem persönlichen Theaterstück.

Vielleicht beginnt die Integration einer Stunde dort, wo wir uns erlauben, unsere Rollen zu lockern.
Wo wir spüren: Ich muss nicht der oder die Gleiche bleiben.
Und wo der Mut entsteht, sich wirklich verändern zu dürfen.

Integration braucht quasi extra Aufmerksamkeit.
Hat das neue Puzzlestück auch wirklich Platz in dem Bild, das ich von mir zeichnen möchte?

Clemens Pitzal)

Geschichten aus der Praxis # 4 - Gut gesprochen oder gut gelebt?

Ich finde Marketing total spannend. Die richtigen Worte zu finden, den passenden Ton, den berühmten „Pain Point“ – das hat was. 

Trotzdem merke ich jedes Mal, wenn ich vor einer Gruppe spreche, dass etwas anderes viel entscheidender ist:  Was ich sage ist wichtig, keine Frage – aber wie ich es verkörpere, ist entscheidend.

Wenn ich meine Füße spüre, meine drei Boxen übereinanderstaple und in dieser Situation wirklich „less effort“ lebe, dann passiert etwas. Dann hören mir Menschen nicht nur zu – sie nehmen vielleicht sogar schon wahr, was ich meine.

Das erzeugt mehr Interesse als jeder noch so gut formulierte Satz. Vielleicht beginnt gutes Marketing nicht im Kopf, sondern im Becken.

(Clemens Pitzal)

Geschichten aus der Praxis # 3 - Du fährst aber gerade keine Ski

Kennst du das? Ein Klient steht im Raum – und gleich im nächsten Moment wird die Haltung erklärt, fast sogar gerechtfertigt.  
Das ist weil ich Ski fahre. Das kommt vom Bouldern, etc.

Häufig hilft es das offensichtliche dann trotzdem zu benennen.  
„Du fährst aber gerade keine Ski. Also brauchst du auch nicht so stehen.“

Obwohl diese Erkenntnis so offensichtlich scheint ist sie doch für viele sehr wertvoll, weil sie dann erkennen, dass sie nicht von ihrer Geschichte bestimmt werden.

Ein Hinweis darauf, dass Bewegungsmuster oft mehr mit Gewohnheit und Selbstbild zu tun haben, als mit dem Moment.  
Wie sehr wir uns an solche Muster klammern, manchmal sogar bis sie Teil unserer Identität werden – „so bin ich eben“ – anstatt zu sehen: Das ist nur ein Muster. Und Muster können sich verändern.

Für mich und für die Skifahrerin war es eine erneute Bestätigung, dass Feldenkrais uns ins Jetzt zurückholt.  
Nicht, weil es darum geht, „besser“ zu sein, sondern weil wir wieder die Freiheit entdecken, je nach Situation zu wählen.  
Was will ich jetzt machen, und was hilft mir dafür?

Geschichten aus der Praxis # 2 - Muster treffen Muster

In der Feldenkrais-Arbeit spüren viele eine neue Freiheit. Aber was passiert damit, wenn das soziale Feld nicht mitwächst?

Wer darf laut sein? Wer hält sich lieber zurück? Wer bringt sich ein – und wann?

Gerade in einem Setting wie einem Surfcamp mit knapp 50 Menschen wird das besonders spürbar: So viel Lebendigkeit, Bewegung, Impulse – und gleichzeitig auch feine Gruppendynamiken, unausgesprochene Rollenverteilungen und Erwartungen. Da ist plötzlich wenig Raum, um das neue, feinere Spüren wirklich zu zeigen. Der Körper fühlt sich freier – aber traut man sich auch, diese Freiheit zwischen den Menschen zu leben?

Die wahrscheinlich größte Aufgabe in der Feldenkrais-Welt ist es, das auf dem Boden Gelernte mit ins Leben zu nehmen. Wie schwer es ist, sich anders zu verhalten als gewohnt, wenn man sich dann doch wieder an die ungeschriebenen Gesetze des eigenen sozialen Systems hält. Wie verhindern wir, dass Erkenntnisse aus dem Einzelsetting im Gruppenfilter wieder verloren gehen?

Wie können wir gemeinsames Lernen so gestalten, dass es nicht nur sicher, sondern auch mutig sein darf? Wie machst du das mit deinen Klient:innen? Wie „spielt“ dein privates Leben, dein*e Partner*in, Familie und Freunde „mit“, wenn du dich veränderst?

Geschichten aus der Praxis # 1 - Ich will kein Problem haben - und schon gar kein Problem sein

Die Arbeit mit einem Klienten mit Morbus Bechterew hat mich sehr berührt. Für ihn war klar: Beugen = Krankheit.
Krumm zu sein, war für ihn der Inbegriff von „kaputt“. Verständlich. Und gleichzeitig tragisch.

Denn wenn sich der Körper beugt, aber im Kopf die Überzeugung sitzt, dass genau das falsch ist – was macht das mit dem Selbstbild?
Vielleicht entsteht unbewusst das Gefühl: Ich sollte gar nicht so sein. Ich sollte vielleicht gar nicht da sein. Weil dieses Beugen sollte garnicht da sein.

Umso bewegender war der Moment, als er spürte: Da ist Spielraum.
Nicht nur zum Strecken, sondern auch zum Beugen – freiwillig, bewusst, weich. Und dass auch diese Bewegung ihren Platz hat.

Manchmal sind es weniger die Symptome als die Bedeutungen, die wir ihnen geben, die uns festhalten.