Feldenkrais und Wissenschaft
Mit der Entwicklung seiner Methode hat Moshé Feldenkrais viele wissenschaftliche Erkenntnisse für den Alltag fruchtbar gemacht. Er selbst stieß zu seinen Lebzeiten in der Welt der Wissenschaft auf geteiltes Echo. Viele schätzten seine Arbeit sehr – dazu gehörten führende Persönlichkeiten wie der Gehirnforscher Karl Pribram, die Anthropologin Margaret Mead oder der Kybernetiker Heinz von Förster. Für andere war er ein Physiker mehr, der den schmalen Grat zur Irrationalität überschritten hatte - was Feldenkrais sehr verletzte. Die praktischen Erfolge seiner Methode waren zwar unbestreitbar, aber er dürstete immer auch nach offizieller Anerkennung von Seiten der akademischen Welt.
Neuere Forschungen legen nahe, dass Moshé Feldenkrais hier etwas traf, was in der Wissenschaftsgeschichte insgesamt nicht unbekannt ist – er war seiner Zeit voraus. Heute werden Grundannahmen der Methode, die vor 20 Jahren noch als Spinnerei abgetan wurden, durch neue wissenschaftliche Denkansätze und Forschungsergebnisse gestützt. Besonders aus den Neurowissenschaften, der Systemtheorie, den Bewegungs- und Erziehungswissenschaften kommen mehr und mehr Beiträge in diese Richtung. Der Austausch zwischen PraktikerInnen der Methode und WissenschaftlerInnen verschiedenster Disziplinen ist in den letzten Jahren verstärkt in Gang gekommen. Neben verschiedenen Forschungsprojekten gibt es auch regelmäßig international besetzte Symposien und Konferenzen. Die Feldenkrais-Methode ist die erfolgreiche Praxis zu einer Theorie, die sich noch entwickelt. Einige Beispiele:
Einheit von Körper und Geist
Dass Körper und Geist in der Lebensfunktion ein untrennbares Ganzes bilden – ein Grundthema von Feldenkrais - wird beispielsweise von der modernen Hirnforschung bestätigt. Der international renommierte Neurologe A.Damasio belegt eindrücklich, dass jedes Erleben einschließlich des Denkens auf körperliche Empfindungen zurückgeht und das eine das andere wechselseitig prägt.
Lernen verändert das Gehirn
„Vor einigen Jahren konnte sich noch kein Hirnforscher vorstellen, dass das, was wir erleben, in der Lage wäre, die Struktur des Gehirns zu verändern. Heute sind die meisten von ihnen davon überzeugt, dass die im Lauf des Lebens gemachten Erfahrungen strukturell im Gehirn verankert werden." ( Gerald Hüther, Neurobiologe)
Durch Lernen werden die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die sogenannten Synapsen, verändert. Diese Fähigkeit ist zwar in den ersten Lebensjahren am intensivsten, bleibt aber ein Leben lang erhalten. Die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen, basierend auf der enormen Plastizität des Gehirns, ist einer der Grundpfeiler der Feldenkrais-Methode. Erfolgreiches Lernen geschieht durch aktive, sinnliche Auseinandersetzung mit der Umwelt. Kinder z.B. erobern auf diese Weise ein Körperwissen über physikalische Vorgänge und komplexe Zusammenhänge, das die Forscher in Erstaunen versetzt. Die Feldenkrais-Methode knüpft an diese Art zu lernen an, um unabhängig vom Alter die eigenen Kompetenzen zu erweitern und in aktuellen Situationen nutzen zu können.
Selbstorganisierte Systeme
Wichtige Anregung für ein umfassendes Verständnis von Lernen und Bewegen kommen aus der Systemtheorie. Kerngedanke der Systemtheorie ist, dass sich Systeme unter bestimmten Bedingungen aus sich heraus – selbstorganisiert – verändern und neue Strukturen entwickeln können. Lebende Systeme erzeugen, regulieren und erhalten sich selbst. Sie sind also von Außen nicht determinierbar. Auf ein System Einfluss zu nehmen, bedeutet, dieses anstoßen und anregen, aber nicht es kontrollieren zu können. Feldenkrais-LehrerInnen „verordnen“ ihren Schülern und Klienten nicht von Außen eine Lösung, sondern versuchen die Eigenlogik des Systems ihrer Klienten zu verstehen und hilfreiche, systemische Lösungen in Gang zu setzen. Das bedeutet in erster Linie, die Zahl der Bewegungs-, Denk-, Fühl- und Verhaltensmöglichkeiten zu vergrößern, anstatt in Kategorien von Richtig und Falsch zu denken. Wie wichtig Fehler und Variationen für erfolgreiche Lernprozesse sind, konnte Pramling Samuelsson in einer schwedischen Studien nachweisen. Kinder lernten besser und schneller mit einem Ball umzugehen, wenn sich Größe und Gewicht des Balls sowie der Abstand zum Korb und der Einwurfwinkel änderten. Für den Erwerb dieser Geschicklichkeit sei es notwendig, „sich sämtlicher Aspekte bewusst zu sein und diese gleichzeitig berücksichtigen zu können.“
Eigenwahrnehmung
Bereits 1949 betonte Feldenkrais die zentrale Bedeutung der Propriozeption, also jenes Sinnes, der für die Eigenwahrnehmung zuständig ist. Diese Einschätzung wird inzwischen auch von zahlreichen Bewegungswissenschaftlern geteilt.
Die Bedeutung der Bewegung
„Ich behaupte , dass ein Gehirn ohne Motorfunktionen nicht denken kann, oder zumindest, dass die Kontinuität der geistigen Funktionen durch entsprechende Motorfunktionen gewährleistet wird“ (Moshé Feldenkrais)
Die zentrale Bedeutung der Bewegung für kognitive Funktionen wird zunehmend von Forschungsergebnissen belegt. Der Biokybernetiker H. Cruse ist der Ansicht, dass erst die Fähigkeit zur Bewegungssteuerung das Denken bei komplexen Organismen ermöglicht. Um eine Aufgabe zu vollbringen, die mehrere Lösungen zulassen und zwischen denen es eine Entscheidung zu treffen gilt, muss der Organismus zunächst ein inneres Körperbild erstellen können. Dieses Körpermodell dient vermutlich nicht nur der Planung von Bewegungen und Handlungen, sondern auch der Wahrnehmung. Es könnte sogar die Basis für die Entstehung von Bewusstsein sein.
Bewegen im sinnvollen Kontext
Bislang dachte man, dass die unsere Hirnrinde eine Art Bauplan des Körpers enthält, den sogenannten Homunkulus. Der Neuropsychologe Michael Graziano von der Princeton University veröffentlichte im Fachblatt „Neuron“ eine Studie, die nahe legt, dass Nervenzellen im Kortex komplexe Bewegungsabläufe steuern, etwa den Griff nach einem Glas Wasser, und nicht bloß einzelne Muskeln.
Das bestätigt die feldenkraisische Annahme, dass Bewegung eine Richtung braucht, einen sinnvollen Handlungskontext, in den sie eingebunden ist. Losgelöst von diesem Kontext steht z.B. die faktische Beweglichkeit eines Gelenks nicht für komplexe Bewegungen zur Verfügung. Feldenkrais-LehrerInnen wissen, dass es für das Lernen einen entscheidenden Unterschied bedeutet, ob ich mich umschaue, um wirklich etwas zu sehen, oder das Drehen nur als körperliche Übung absolviere. Das Einbeziehen einer klaren Absicht und der Bewegungsrichtung erweitert den Raum der Bewegung über die körperlichen Grenzen hinaus. In den Feldenkrais-Lektionen werden Arme Richtung Zimmerdecke verlängert, kreisen Becken auf imaginären Zifferblättern und entstehen in der Vorstellung vielfältigste Bilder, weil wir annehmen – und die Erfahrung unserer Praxis scheinen diese Annahme zu bestätigen – , dass nur gerichtete Bewegung dem Nervensystem eine „optimale“ Bewegungsantwort abverlangt.
Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft
„Ohne unsere Aufmerksamkeit rührt sich das Gehirn nicht. Es besitzt schon genug nützliche Fertigkeiten, als dass es sich grundlos verändern würde.“ (Anne Pycha, Wissenschaftautorin).
In der Feldenkrais-Methode ist das Ausführen einer Bewegung ohne Aufmerksamkeit sinnlos. Nicht die Bewegung als solche, sondern das Lenken, Verfeinern und Erweitern der Aufmerksamkeit bilden den Schlüssel für nachhaltige Veränderungen. Um Bewegungen zu verbessern, wird deshalb auch oft ausschließlich in der Vorstellung gearbeitet. Dass dies sogar erfolgreicher sein kann, als das tatsächliche Üben, belegen einige jüngere Studien, u.a. eine kürzlich von der Cleveland Clinic Foundation durchgeführte: So wuchs die Kraft eines Fingers durch das bloße Bewegen in der Vorstellung um 35 % (Prevention Magazine April 2002).
Viele neue Forschungen aus den verschiedensten Bereichen scheinen also die Hypothesen von Moshé Feldenkrais nicht nur zu bestätigen, sondern sie zeigen eindrücklich auf, wie weit er in vielen Gedanken seiner Zeit voraus war.
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